Bericht

Nach intensiver Vorbereitung war es endlich soweit! Mit dem Ziel ein neues Land für zahnärztliche Hilfseinsätze zu erschließen, brachen wir am 26.03.2017 auf nach Malawi – „The warm heart of Africa“!

Für drei Wochen wollte unser sechsköpfiges Team, bestehend aus den Zahnärzten Dr. Hans Lohr, Anja Stengele und Nina Sickenberger, sowie den Assistenten und Organisatoren Angie Lohr, Dominik Biehler und Matthias Schmitt, zahnärztliche Hilfe in eines der ärmsten Länder der Welt bringen. Mit vielen zahnärztlichen Instrumenten und Materialien und voller Vorfreude und Neugierde im Gepäck machten wir uns auf den Weg. Zwei Stationen für zahnmedizinische Behandlungen lagen vor uns.

Zu Beginn der Reise behandelten wir im St. Gabriel’s Hospital in Namitete, ca. 50 km westlich von der malawischen Hauptstadt Lilongwe entfernt. Das Krankenhaus wurde 1959 mitten im „Busch“ gegründet und wurde über die Jahre mit Unterstützung aus Luxemburg und Deutschland immer wieder vergrößert. Mittlerweile gibt es einige gut funktionierende Stationen. Trotz einiger Versuche, auch Zahnmedizin für die arme umliegende Dorfbevölkerung anzubieten, ist dies bisher noch nicht gelungen. Auf die Ankündigung, dass deutsche Zahnärzte für eine Woche kostenlose Zahnbehandlungen anbieten würden, machten sich deshalb zahlreiche Patienten aus der Umgebung auf den Weg zu uns. Täglich warteten ungefähr einhundert Menschen auf eine Behandlung. Obwohl wir morgens früh mit der Arbeit begonnen und erst bei Dämmerung Feierabend machten, mussten wir am Abend viele der wartenden Patienten auf den nächsten Tag vertrösten. Unsere malawische Helferin und Übersetzerin Chiwemi hatte aufgrund des großen Andrangs die Idee, eine Liste anzufertigen, um die Reihenfolge der am nächsten Tag zu behandelnden Patienten festzulegen. Der Tumult, der dabei entstand - jeder wollte unbedingt auf der Liste stehen - ging buchstäblich unter die Haut. Viele hatten einen weiten Weg auf sich genommen und übernachteten in der Nähe des Krankenhauses, um am nächsten Morgen wieder früh vor unserem Behandlungsraum bereit zu stehen, sodass uns bei Arbeitsbeginn schon eine große Menschenmenge erwartete. Es sollten im Laufe des Tages noch mehr werden! Die Behandlungen fanden auf einfachen Liegen statt, die wir am Fenster platzierten, um neben unseren Stirnlampen noch etwas mehr Licht zu haben. Wir richteten unser Augenmerk auf Schmerzpatienten mit nicht erhaltungswürdigen, beherdeten (dt. entzündeten) Zähnen. Da wir uns auf die Extraktion schmerzender Zähne fokussiert hatten, erhofften wir uns, möglichst viele Patienten behandeln und sie so von ihren Schmerzen befreien zu können. Viele Frauen kamen mit ihren kleinen Kindern zur Behandlung und legten kurzer Hand das Baby zum Stillen an die Brust, während wir gerade mit Hebel und Zange in deren Mund am Werk waren. Ein solches Bild bietet sich wohl in keiner deutschen Zahnarztpraxis! Am meisten bleibt uns eine etwa 40 Jahre alte Patientin im Gedächtnis, die mit hohem Fieber, Schüttelfrost und einem eigroßen Abszess im Oberkiefer zu uns kam. Die Frau wog nur noch 37 kg, weil sie aufgrund heftiger Zahnschmerzen schon seit längerem nichts mehr essen konnte. Nach Inzision des Abszesses und Antibiotikaeinnahme konnten wir an den folgenden Tagen eine deutliche Verbesserung des Gesundheitszustandes der Patientin beobachten.  Nachdem wir ihr am letzten Tag noch die „Übeltäter“ extrahierten, bedankte sie sich herzlich bei uns. Diese Krankheits- bzw. Genesungsgeschichte war eines der gravierendsten und schönsten Erlebnisse zugleich.

In der kurzen Zeit hat sich gezeigt, dass die Nachfrage nach zahnärztlichen Behandlungen in dieser abgelegenen Region riesig ist. In Malawi versorgt ein Zahnarzt statistisch gesehen 450.000 Einwohner, in Deutschland sind es zum Vergleich 1.200 Einwohner. Die wenigen Zahnärzte, die es in Malawi gibt, arbeiten hauptsächlich in den drei großen Städten Lilongwe, Blantyre und Mzuzu. So sehen wir eine große Notwendigkeit, im St. Gabriel’s Hospital eine zahnmedizinische Abteilung aufzubauen.  Ein Raum dafür ist bereits vorhanden. Das Interesse seitens des Klinikpersonals ist groß, es fehlt lediglich ein Behandlungsstuhl und ein Zahnmediziner, der dort dauerhaft arbeiten möchte. Nach Gesprächen mit dem Klinikdirektor Dr. Mbeya und dem Generaldirektor der luxemburgischen Stiftung Zitha, Dr. Goetzke, werden wir das Vorhaben, eine Zahnstation aufzubauen, mit „Planet Action – Helfende Hände e.V.“ unterstützen und einen Zahnarztstuhl per Schiffscontainer nach Malawi senden. Außerdem haben wir das Ziel, regelmäßig Zahnärzte und Zahnmedizinstudenten aus Deutschland nach Malawi zu schicken.

Untergebracht waren wir in einem Gästehaus auf dem Campus des Krankenhauses. Bis auf die vielen Stromausfälle und das kalte Wasser zum Duschen waren wir dort fast auf europäischem Standard beherbergt. Wir hatten eine Küche, um uns selbst zu versorgen oder konnten die Klinikkantine nutzen, in der man bei Vorbestellung ein warmes malawisches Gericht zum Mittagessen bekam. Wir fühlten uns sehr wohl und herzlich vom ganzen Klinikpersonal aufgenommen, sodass uns die Abreise schwer viel.

Unsere zweite Station führte uns in die 600 km nördlich von Lilongwe, direkt am imposanten Malawisee  gelegene Küstenstadt Karonga, nahe der tansanischen Grenze. Auch hier boten wir unsere Hilfe in einem kleinen Krankenhaus, der Hope Clinic, an. Ärzte und gut ausgebildetes Personal gibt es hier jedoch keines, weshalb auch keinerlei Diagnostik oder Behandlungen angeboten werden können. Lediglich Medikamente werden für einen geringen Preis an die Patienten verkauft. Obwohl der zahnärztliche Bedarf auch in dieser armen Region enorm hoch ist, hatten wir hier dennoch einen nur sehr überschaubaren Patientenandrang. Die beiden angestellten Schwestern, die uns mit Rat und Tat zur Seite standen, vermuteten, dass sich viele Patienten nicht trauten zu kommen, da sie Kosten für die Extraktionen und Behandlungen befürchteten. Eine andere interessante Erklärung war der „Hexenglaube“, der in Malawi stark verbreitet ist. Vergleichbar mit dem Aberglauben bei uns in Deutschland, dass sieben neue graue Haare für ein herausgerissenes nachwachsen, glauben einige Menschen in Malawi, dass für jeden gezogenen Zahn ein anderer Zahn kaputtgeht. So versuchen die von Zahnschmerzen geplagten Menschen, sich dann selbst mit Heilpflanzen und Co zu therapieren. Was uns hier sehr erschreckte, ist der Umgang mit Medikamenten, insbesondere mit Antibiotika. Beispielhaft dafür steht die Krankengeschichte eines jungen Mannes. Er kam zu uns und berichtete von entzündetem und teilweise blutendem Zahnfleisch. Bei Inspektion zeigte sich eine typische Gingivitis (dt. Zahnfleischentzündung). Der Blick in sein „Medical Book“ (eine Art Patientenakte, die der Patient aber selbst bei sich trägt) verriet, dass er dagegen im letzten halben Jahr Amoxicillin, Metronidazol und Ciprofloxacin erhalten hatte. Dieses freizügige, grob fahrlässige Verteilen von Antibiotika ist sicher der unzureichenden Ausbildung des Klinikpersonals zuzuschreiben, die dringend verbessert werden müsste.

Auch an dieser Station kamen wir in einem Gästehaus, dessen Träger die Diözese Karonga ist, unter. Von Angestellten der kirchlichen Einrichtungen – dazu zählen Schulen, Waisenhäuser, Ausbildungsstätten, u.v.m. – wurden wir täglich auf das köstlichste bekocht. Wir erfuhren eine warmherzige Gastfreundschaft und wurden liebevoll umsorgt.

Sowohl in Namitete als auch in Karonga haben wir eine Primary School besucht, um den Schülern mithilfe unserer großen Zahnputzmodelle das richtige Zähneputzen zu zeigen. Außerdem klärten wir die Kinder über Zahngesundheit, Entstehung von Karies und über die Wichtigkeit der Zähne auf. Auf Nachfrage unsererseits erzählten uns die Kinder, dass sie zur Reinigung ihrer Zähne Holzstöckchen oder den Finger und dazu Wasser, Asche oder Holzkohle benutzen.  Zahnbürste und Zahnpasta kosten in Malawi zusammen rund 1 Euro – das sind bei einem monatlichen Einkommen der Eltern von 10-30 Euro echte Luxusartikel. Wenn man dann noch bedenkt, dass malawische Familien aus 5-12 Kindern bestehen und viele Familien ohne Vater zurechtkommen müssen, wird es unmöglich Zahnhygieneartikel zu nutzen. Deshalb war es umso schöner, dass wir insgesamt 1500 Zahnbürsten und -pasten verteilen konnten. An dieser Stelle ein ganz herzliches Dankeschön an alle Spender, die dies ermöglicht haben!

Malawi ist ein sehr rohstoffarmes Land und kann aufgrund dessen keine lukrativen Exporte tätigen. Da es praktisch keine einheimische Industrie gibt, ist Malawi darüber hinaus stark von Importen abhängig. Nahezu alle Güter müssen aus dem Ausland eingeführt werden. Die meisten Menschen leben von der Hand in den Mund und versuchen als Selbstversorger durch Landwirtschaft, Viehzucht oder Fischerei ihren Lebensunterhalt zu bestreiten. So sieht man viele kleine Felder, die von Kleinbauern bewirtschaftet werden. Herden von Ziegen und Zeburindern, sowie frei umherlaufende Hühner prägen das Alltagsbild.

Die ländliche Bevölkerung ist sehr arm und ernährt sich hauptsächlich von Maisbrei (Nsima). Umso erstaunter waren wir über den schlechten Mundgesundheitszustand der Menschen, sodass wir uns die Frage der Kariesherkunft immer häufiger stellten. Klein und groß nagt und suckelt genüsslich am Zuckerrohr und auch Lollis erfreuen sich großer Beliebtheit. So bekamen wir die Antwort im Laufe unserer Reise durch das bloße Beobachten der Menschen geliefert.

Sehr erschütternd ist die weite Verbreitung von Kinderehen in Malawi, die zwar seit ein paar Jahren offiziell verboten sind, aber dennoch v.a. in ungebildeten und armen Gesellschaftsschichten an der Tagesordnung stehen. Kleine Mädchen von 8-15 Jahren werden gegen eine geringe Bezahlung – Bargeld oder Zeburinder – an einen älteren Mann verkauft. Mittlerweile gibt es Aufklärungskampagnen gegen dieses Verbrechen wie z.B. Plakate mit der Aufschrift: „Because I said no to early marriage I am now a doctor“.

Ein weiteres großes Problem in Malawi ist die hohe Durchsäuchung der Bevölkerung mit HIV. Offizielle Statistiken beziffern die Infektionsrate auf 16%, inoffizielle Statistiken sprechen von bis zu 60%. Die Wahrheit wird wahrscheinlich irgendwo dazwischenliegen. Fehlende Aufklärung, Unverständnis und Polygamie sind Gründe für diese hohe Zahl an Infektionen. Die Folge sind viele AIDS Waisen, die als Straßenkinder mit Gelegenheitsjobs oder Prostitution versuchen sich über Wasser zu halten. Initiativen und Waisenprojekte versuchen diese Kinder aufzufangen, um ihnen ein zu Hause zu bieten und Zukunftsperspektiven aufzuzeigen.

Trotz aller Probleme ist Malawi ein zauberhaft schönes Land. Wir hatten das Glück Malawi am Ende der Regenzeit zu bereisen. Das Land erstrahlte in einem saftigen Grün. Nach zwei Jahren mit wenig Regen gab es in 2017 wieder normale Niederschläge, sodass die Aussicht auf eine normale Ernte gut ist. Die behandlungsfreie Zeit nutzten wir, um die wunderbaren Strände am Malawisee und den spektakulären Weitblick von den Ausläufern der Nyika-Berghänge zu genießen. Leider war keine Zeit mehr für einen Besuch in einem Nationalpark, um die großartige Tierwelt Malawis zu erforschen.

Dankbar schauen wir auf die drei gemeinsamen Wochen, in denen wir viel erleben und bewirken konnten, zurück. Unsere Ansprechpartner vor Ort waren eine wahre Bereicherung und unser Team, das sich recht spontan in dieser Konstellation zusammenfand, hätte besser nicht harmonieren können. „Zikomo“ (dt. Danke) an alle, die zum Gelingen dieses Hilfseinsatzes beigetragen haben und „Auf ein Wiedersehen Malawi!“.